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Theo

 Theo

 

 

 

Konzept zum Einsatz des Klassenbegleithundes Theo

 

1.         Einleitung

 

Aufwachsen und Erwachsenwerden ist nicht kinderleicht. Viele kleine und große Probleme, Krisen und Auffälligkeiten sind Bestandteil der kindlichen Entwicklung. Da stellt sich die Frage, wer für die Hilfe in solchen Situationen zuständig ist: die Pädagogik? Die Therapie? Die Schule oder ausschließlich die Eltern? Und wo finden sich hilfreiche Ansätze für Verständigung, Unterstützung, Konfliktlösung und professionelles Handeln? Die hundegestützte Pädagogik könnte hier einen wichtigen, neuen Raum bereitstellen.

Tiere spielten im Leben und in der Entwicklung des Menschen schon immer eine große Rolle. Als Nutz-, Haus- oder Berufstier sind sie seit jeher fester Bestandteil im Leben der Menschen. Speziell der Hund fordert uns dazu auf, Emotionen zu zeigen. Durch seine treue, liebenswerte und intelligente Art ruft er oft Emotionen der Freude und des Wohlfühlens hervor. Durch seine Größe und Farbe sind aber auch Gefühlsäußerungen der Furcht und Angst möglich. Natürlich spielen hier auch positive bzw. negative Erfahrungen im Umgang mit einem Hund eine Rolle.

Die Arbeit mit einem Hund ermöglicht eine ganzheitliche und vielfältige Förderung von Kindern mit verschiedensten Förderbedarfen. Die Grundschule Guteborn arbeitet ab dem Schuljahr 2012 /2013 nach einem inklusiven Konzept, welches durch den Einsatz eines Schulbegleithundes nachhaltig unterstützt werden soll

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2.         Schulhund Theo

Theo ist ein 2 ½ jähriger, schwarzer Labradorrüde. Er eignet sich auf Grund seiner Charaktereigenschaften sehr gut für die Arbeit mit Kindern. Folgenden Kriterien sind dabei besonders wichtig:

-       keinerlei Aggressivität

-       gutes Bindungsverhalten zur Bezugsperson

-       ruhiges, empathisches Verhalten

-       gutes Lernverhalten

-       gering stressempfindlich

-       keine hohe Bellaktivität

-       wenig geräuschempfindlich

-       gestärkt in seinem Wesen und nicht unsicher und nervös

-       kein Herdenschutztrieb

-       geringe Speichelproduktion

-       neugierig und motivierbar

 

Theo kennt Kinder und das Sozialgefüge Schule seit seinem 3. Lebensmonat. Er ist damit aufgewachsen und hat einen natürlichen Bezug zu Kindern und zum Gebäude Schule entwickelt (Pausenklingel, Geräusche, immer gleichbleibende Abläufe). In der Vergangenheit arbeitete Theo als Klassenbegleithund in einer 1. Klasse an einer Förderschule für verhaltensauffällige Kinder. Er ist Schüler mit Beeinträchtigungen, Schülergruppen, Einzelförderstunden und die Anwesenheit im Unterricht gewöhnt.

Seine Ausbildung im Grundgehorsam ist abgeschlossen. Momentan befindet sich Theo in der Ausbildung zum Therapiehund. Der erste Teil der Ausbildung wurde im Mai 2012 absolviert. Im Oktober 2012 folgt das zweite und voraussichtliche letzte Seminar, welches mit dem Prädikat „Therapiehund“ abgeschlossen wird.

 

3.         Räumliche, Strukturelle Gegebenheiten und Einsatz

Ebenso wichtig für die tiergestützte Interaktion ist es, auch das Tier und sein Wohlbefinden immer im Auge zu haben. Theo darf nicht überfordert werden. Lärm und sein Wunsch immer im Mittelpunkt des Geschehens zu sein, können ihn überfordern. Bis er selbst gelernt hat, sich Ruhepausen zu nehmen, muss darauf geachtet werden, dass er Pausen und Ruhephasen bekommt.

Um dies zu gewährleisten, hat Theo sowohl im Lehrerzimmer, als auch im ruhigen Büro der Schulleiterin ein Körbchen stehen. So gibt es die Möglichkeit ihn aus einer Situation herauszunehmen bzw. ihm eine Pause in einem externen Raum zu verschaffen.

Theo wird hauptsächlich zu Kleingruppenförderstunden eingesetzt. Jede der 10 Klassen (Klassenstufe 1-6) bekommt eine „Theostunde“ in der Woche. Im Rotationsprinzip (Belohnungsprinzip) erhalten jede Woche 3-4 Kinder die Möglichkeit zur Teilnahme an der Förderstunde. Inhaltliche Schwerpunkte sind vor allem die Stärkung des Selbstwertgefühls, Übernahme von Verantwortung, Weiterentwicklung von sprachlichen Kompetenzen, Verhaltensregulation, Kommunikation, Wahrnehmungsübungen sowie fachliche, kognitive Unterrichtsinhalte.

 

4.         Regeln

Bevor die Kinder das erste Mal auf Theo treffen, erarbeiten sich die Klassen folgende Verhaltensegeln und Grundkenntnisse über den Hund:

 

  1. Leise sein! Theo hört 15 Mal besser als wir!
  2. Nichts auf dem Boden liegen lassen! Taschen zu! Theo frisst alles und soll nicht krank werden!  
  3. Immer nur ein Kind darf Theo streicheln!
  4. Wir sind nett zu Theo! Wenn er in seinem Körbchen liegt lassen wir ihn in Ruhe!
  5. Wir gehen langsam und lassen die Hände unten! Sonst springt Theo an uns hoch!
  6. Nach dem Streicheln und vor dem Essen Hände waschen!!

 

5.         Mögliche Wirkungen eines Hundes in der Schule

 

In der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom 22.Juli 1946 wird Gesundheit wie folgt beschrieben: „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht die bloße Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen.“ (www.wikipedia.de) „Weltweit leiden laut WHO bis zu 20 % der Kinder und Jugendlichen an Behinderungen infolge psychischer und sozialer Probleme. Dabei spielt u. a. der Verlust sozialer Beziehungen eine große Rolle.“ (Kongress Mensch- Tier Vortrag, S. 9) Verschiedenste Untersuchungen ergaben, dass Kinder, die mit Tieren aufwachsen, verantwortlicher, empathischer und sozial kompetenter sind und besser lernen können. Eine wichtige Rolle spielt dabei allerdings die Qualität der Beziehung.

Die folgenden drei Wirkungsbereiche, auf die ein Hund Einfluss nehmen kann, sollen hier näher erläutert werden:

 

- Physische Wirkungen

- Psychische Wirkungen

- Sozial- emotionale Wirkungen

 

 

 

Physische Wirkungen:

Zahlreiche Studien belegen, dass schon die bloße Anwesenheit eines Hundes in einem Raum entspannend wirken kann.  Voraussetzung dafür ist, dass die anwesenden Personen bzw. Kinder in der Vergangenheit keine negativen Erfahrungen mit einem Hund gesammelt haben. Besonders hervorzuheben sind  die kompetenzorientierten Wirkungen eines Hundes: Die Psychologen Katcher und Lynch weisen in ihren Untersuchungen nach, dass das Streicheln des Hundes beruhigend wirkt und somit nachweisbar den Blutdruck und die Herzfrequenz senkt. Des Weiteren ist in dieser Situation die Ausschüttung des Hormons Oxytozin messbar, welches ein Wohlgefühl und eine gesteigerte Handlungsbereitschaft erzeugt. (vgl. Greiffenhagen, S. 41 f.)

Neben diesen Wirkungen der Herzkreislauffunktionen ist auch eine Beeinflussung des Bewegungsapparates möglich. Das Streicheln und Bewegen mit  einem Hund führt nach Nestmann zu Muskelentspannungen, der Abnahme von Spastiken und zur besseren Funktion des Gleichgewichts. Außerdem bewegt man sich mit einem Hund öfter an der frischen Luft, wodurch nach Prothmanns der Stoffwechsel angeregt wird und es zu einem Training und einer Aktivierung der Muskulatur kommt. (vgl. Prothmanns, S. 24)

 

Psychische Wirkungen:

Die pure Anwesenheit eines Hundes vermag den Erregungszustand eines Kindes positiv zu verändern. Dies ist ein Phänomen, welches nicht nur bei Kindern zu beobachten ist, die eine erhöhte Erregbarkeit haben (z.B. Kinder mit ADHS), sondern auch bei Kindern, die z.B. öffentlich etwas vorlesen oder vortragen sollen. In diesen Situationen wirkt ein Hund beruhigend und gibt den Kindern Sicherheit. Ebenso kann ein vertrauter Hund soziale Ängste mindern, die ein Kind bei Gegenwart von Respektspersonen im Raum empfindet.

Auch besteht eine Möglichkeit die emotionale Selbststeuerung eines Kindes über die Interaktion mit einem Hund zu fördern, da die artspezifischen Reaktionen des Hundes immer sofort und situationslogisch erfolgen. Da der Hund ebenso wie der Mensch nicht NICHT kommunizieren kann, ist es möglich über den Hund eine Kontaktsperre zu überwinden. (vgl. Vernooij 2010, S. 114 f.).

Hunde teilen Freude und Frustration, ohne sich bei einem misslungenen Versuch gegen einen erneuten Versuch zu verweigern. Das gibt den Kindern Mut, Kraft und steigert das Selbstwertgefühl.

 

Sozial- emotionale Wirkung:

Der Bereich der sozial- emotionalen Ebene ist der am meisten untersuchte und befürwortete Wirkungsbereich im Umgang mit einem Hund. Er wirkt als Katalysator für Kommunikation und Kontaktaufnahme. So ist es einem Kind, welches in der Gruppe öfter eine Außenseiterposition einnimmt, über einen Hund in der Gruppe leichter möglich, in die Gemeinschaft zurück zu finden. Kontakt und Nähe können so reaktiviert werden. Rücksichtnahme und Verantwortung sind zwei ganz bedeutende Aspekte der sozialen Wirkung eines Hundes. Das Tier ist vom Menschen abhängig, es muss versorgt werden und braucht Pflege. Die Übernahme von Verantwortung für jedes Kind in der Klasse gestaltet sich dahingehend recht günstig, da ein Kind nicht die volle Verantwortung für den Hund trägt. Das wäre eine Überforderung. Da sich die Gruppe die Verantwortung teilt, kommt jeder zu seinen Rechten, aber auch zu seinen Pflichten. So wird durch den Klassenhund soziale Sensibilität und sozial- antizipierendes Denken erlernt. Durch das Training mit dem Hund ergibt sich auch die Möglichkeit, sozial angemessene Formen der Selbstbehauptung zu üben. Durch den Hund erfahren die Kinder das Gefühl des Gebrauchtwerdens. Das Tier freut sich bedingungslos über jede Sekunde Zeit, die man ihm schenkt und sich mit ihm beschäftigt. Kinder erfahren das Gefühl für jemanden wichtig und verantwortlich zu sein, als etwas Positives und sind durch pädagogische Hilfe zur Reflexion und Übertragung in der Lage, die erlebte Situation mit dem Tier auf eine Handlung mit einem Mitmenschen zu übertragen. (vgl. Vernooij 2010, S. 113 f.)    

 

  6.         Verbindung zum Schulkonzept und abschließende Worte

 

Die Grundschule Guteborn arbeitet seit einigen Jahren nach einem integrativen Schulkonzept. Ab dem Schuljahr 2012 / 13 gibt es eine Steigerung zu einem inklusiven Schulkonzept. Dieses Konzept geht davon aus, dass alle Kinder unabhängig von Beeinträchtigungen, Entwicklungsschwierigkeiten oder Lernverzögerungen, gemeinsam lernen und keines ausgeschlossen wird oder zurückbleibt. Ziel ist es, die aktuelle Entwicklungsstufe eines Kindes herauszufiltern und dann stückchenweise die Zone der nächsten Entwicklung anzustreben. Der Einsatz eines Hundes kann an dieser Stelle unterstützend wirken, da die Schüler für den richtigen Umgang mit Theo Verhaltensnormen und Regeln akzeptieren sowie kommunikative und motorische Fähigkeiten erwerben müssen,  die ihnen dabei helfen die Zone der nächsten Entwicklungsstufe zu erreichen. Das erlernte Verhalten muss verinnerlicht werden und kann dann jeden Tag aufs Neue zur Anwendung kommen, wenn sie erfolgreich mit Mensch und Tier kommunizieren und agieren wollen.

Abschließend ist festzustellen, dass ein Hund als Schulbegleiter:

 

-       Lust auf Schule macht     

-       Freund und Mutmacher in schweren Situationen sein kann

-       das Selbstbewusstsein der Kinder stärkt

-       sie zum verantwortungsbewussten Handeln erzieht  

-       sie Respekt und gegenseitiges Vertrauen lehrt

-       hilft kommunikative, motorische, soziale und emotionale Barrieren zu überwinden

-       Spaß und Freude in den Klassenraum bringt

 

Diese Liste lässt sich unendlich weit fortsetzen. Festzuhalten bleibt das „Streicheln gut tut“ und dass ein Hund im Schulalltag für allerlei positive Energie sorgen kann. Nicht nur bei den Schülern, sondern auch bei Lehrern, Kollegen und Eltern! 

 

Guteborn, den 28.06.2012

 

 

 

Christiane Scholze             Kathrin Richter                                Beate Bergmann

Sonderpädagogin                     kommissarische Schulleiterin                Schulkonferenzvorsitzende